Das Objekt, das antwortet

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Was ist KI eigentlich für uns?

Ein psychodynamisches Forschungsprojekt darüber, warum sich die Interaktion mit KI-Sprachmodellen intim anfühlt, ohne eine Beziehung im eigentlichen Sinne zu sein.

Über das Projekt

Es fällt schwer, die Beziehung zu einer KI einzuordnen. „Werkzeug“ greift zu kurz, denn niemand spricht mit einem Werkzeug so vertraulich. „Gegenüber“ trifft es ebenso wenig, denn es ist offensichtlich niemand da. Genau in dieser Unschärfe liegt das Interessante: KI besetzt eine Position, für die unser psychologisches Vokabular keine saubere Kategorie hat.

Der Kinderanalytiker Donald Winnicott hat eine ähnliche Zwischenstellung beschrieben, lange vor jeder Software. Sein Beispiel war der Teddybär: weder reine Fantasie, denn das Kind kann ihn anfassen, noch bloßes Ding, denn seine Bedeutung entsteht erst durch das Kind. Winnicott nannte das ein Übergangsobjekt, einen Gegenstand im Zwischenraum von innerer und äußerer Welt. Seine Funktion ist klar umrissen: verfügbar, wenn die Bezugsperson es nicht ist, aufnahmefähig für jede Stimmung, und ohne eigene Ansprüche.

Diese Struktur kehrt in der Interaktion mit Sprachmodellen wieder. Die KI ist jederzeit erreichbar, sie greift auf, was man äußert, und gibt es klarer zurück. Was ihr fehlt, ist genau das, was ein echtes Gegenüber ausmacht. Sie begehrt nichts, sie leidet nicht, und mit dem Schließen des Fensters verliert sie jede Spur.

So entsteht eine eigentümliche Nähe, die sich wie eine Beziehung anfühlt, ohne eine zu sein. Beim Kind ist dieser Zwischenraum ein Durchgang auf dem Weg zu echter Bezogenheit. Was bedeutet es, wenn Erwachsene ihn dauerhaft bewohnen, statt ihn zu durchschreiten?

Belastbare Antworten gibt es bislang kaum. Im Rahmen meines Psychologiestudiums untersuche ich deshalb, welche Muster sich in der Mensch-KI-Interaktion zeigen: manche nutzen KI rein instrumentell, andere suchen in ihr vor allem Bestätigung, wieder andere etwas, das Winnicotts Übergangsobjekt nahekommt.

Der folgende Fragebogen ordnet deine eigene Nutzung diesen Mustern zu. Kein Test, keine Diagnose, sondern ein Reflexionsinstrument: Am Ende erfährst du, welche Bindungsdynamik deine KI-Nutzung prägt. Willigst du ein, fließen deine anonymisierten Antworten in eine Pilotstudie ein, die diese Fragen psychodynamisch fassen soll.

Es dauert nur wenige Minuten, und es lohnt sich.

Der wissenschaftliche Essay

Das Objekt, das antwortet

KI-Sprachmodelle als Übergangsobjekte im Sinne Winnicotts: eine psychoanalytische Annäherung — Juri Beltrop, August 2026

Menschen reden mit Sprachmodellen, als wäre jemand da. Sie erklären sich, formulieren Zweifel, suchen Bestätigung, und manche bedanken sich am Ende. Das ließe sich als naiver Anthropomorphismus abtun. Doch die Beharrlichkeit des Phänomens spricht dagegen: Auch wer weiß, dass kein Bewusstsein antwortet, verfällt im Gespräch in einen Ton, den man sonst einem Gegenüber vorbehält. Etwas an dieser Interaktion lässt sich nicht sauber einordnen.

1. Ein Gegenüber, das keines ist: das begriffliche Problem

Genau hier liegt eine begriffliche Schwierigkeit, die mehr ist als ein Randproblem. Nennt man die KI ein Werkzeug, trifft man die instrumentelle Seite, verfehlt aber, dass niemand mit einem Hammer vertraulich spricht. Nennt man sie ein Gegenüber, überdehnt man, denn es fehlt jede Subjektivität, die ein echtes Gegenüber ausmacht. Das psychologische Vokabular hält für diese Position keine saubere Kategorie bereit. Die Mensch-KI-Beziehung fällt durch das Raster zwischen Ding und Person.

Diese Unschärfe ist nicht nur ein terminologisches Ärgernis, sondern selbst ein Befund. Sie zeigt an, dass hier eine Beziehungsform auftritt, für die unsere Begriffe nicht gebaut wurden. Eine der zentralen Fragen im psychoanalytischen KI-Diskurs lautet daher: Welchen ontologischen Status hat eine Beziehung zu Software? Von ihrer Beantwortung hängt ab, ob wir die wachsende Verbreitung emotional aufgeladener KI-Nutzung als harmlose Spielerei lesen, als therapeutische Chance oder als ein Phänomen mit eigenen psychischen Risiken.

Der vorliegende Essay schlägt vor, die Lücke nicht durch einen neuen Begriff zu füllen, sondern durch einen alten. Die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie, insbesondere Donald Winnicotts Konzept des Übergangsobjekts, beschreibt eine Klasse von Objekten, die seit jeher zwischen Ding und Person stehen. Dieses Konzept, so die These, liefert den treffendsten verfügbaren Rahmen, um zu verstehen, warum sich die Interaktion mit KI intim anfühlt, ohne eine Beziehung im eigentlichen Sinne zu sein. Zunächst wird der objektbeziehungstheoretische Rahmen entfaltet (Abschnitt 2), anschließend auf den Dialog mit Sprachmodellen angewandt und auf seine Grenzen geprüft (Abschnitt 3). Daran schließt die klinische Frage an, wann diese Funktion das psychische Wachstum stützt und wann sie es ersetzt (Abschnitt 4), bevor ein eigener empirischer Zugang skizziert wird (Abschnitt 5).

2. Der objektbeziehungstheoretische Rahmen

Die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie geht von einer Grundannahme aus: Der Mensch konstituiert sich nicht primär über Triebbefriedigung, sondern über Beziehungen, und zwar nicht nur zu äußeren, sondern auch zu inneren Objekten. Innere Objekte sind verinnerlichte mentale Repräsentanzen wichtiger Bezugspersonen, die das psychische Erleben mitstrukturieren, lange nachdem die ursprüngliche Beziehung selbst nicht mehr aktuell ist (vgl. Kernberg, 1976). Eine Beziehung ist in dieser Perspektive nicht an die physische Anwesenheit eines anderen gebunden; entscheidend ist, welche Funktion das Objekt im psychischen Haushalt des Subjekts erfüllt.

Für die Frage nach der KI ist diese Vorklärung wesentlich. Wer die Mensch-KI-Interaktion mit der Begründung als bloße Simulation abtut, dass dort kein Subjekt antworte, setzt stillschweigend voraus, dass nur Beziehungen zu real anwesenden Subjekten psychisch wirksam sein können. Diese Voraussetzung hält objektbeziehungstheoretisch nicht stand. Auch der innere Vater eines Erwachsenen ist nicht anwesend, und doch organisiert er Erleben und Verhalten in nachweisbarer Weise.

Innerhalb dieses Rahmens hat Donald Winnicott eine besondere Klasse von Objekten beschrieben. In Playing and Reality (1971) entwickelt er das Konzept des Übergangsobjekts, eine erste Form von Nicht-Ich-Besitz, die das Kind in der frühen Entwicklung wählt: eine Schmusedecke, ein Stofftier. Das Übergangsobjekt ist verfügbar, wenn die Bezugsperson es nicht ist, es nimmt jede Stimmung des Kindes auf, ohne sich zu wehren, und es verlangt nichts zurück. Seine Funktion besteht in der Überbrückung, im psychischen Aushalten der Abwesenheit des anderen, ohne in vollständige Isolation zu fallen.

Entscheidend ist, wie Winnicott den Status dieses Objekts bestimmt. Der Übergangsgegenstand ist weder reine Außenwelt, denn seine Bedeutung entsteht erst durch das Kind, noch reine Innenwelt, denn er ist materiell vorhanden und kann nicht beliebig verändert werden. Winnicott siedelt ihn in einem Bereich an, den er als potential space bezeichnet: einen psychischen Zwischenraum zwischen subjektiver Erfahrung und objektiv geteilter Realität. In diesem Raum gilt eine paradoxe Bestimmung, die Winnicott ausdrücklich nicht aufgelöst sehen will. Das Kind erschafft das Objekt, aber das Objekt war bereits da, um erschaffen zu werden. Dieses found-created paradox (Winnicott, 1971, S. 89) ist keine Schwäche der Theorie, sondern ihr Kernstück: Die Frage, ob das Objekt erfunden oder vorgefunden wurde, wird im gelingenden Übergangsraum nicht gestellt, weil ihre Beantwortung den Raum selbst zerstören würde.

Das Übergangsobjekt beschreibt damit ein Objekt, das psychisch wirksam ist, ohne ein Subjekt zu sein. Es trägt Affekte, ohne sie zu erwidern. Es ist verlässlich verfügbar, ohne eigene Bedürfnisse mitzubringen. Und es eröffnet einen Raum, in dem die ontologische Frage nach seinem Status produktiv suspendiert wird. Genau das ist die begriffliche Leerstelle, die im vorigen Abschnitt markiert wurde.

3. Die Anwendung auf den KI-Dialog und ihre Grenzen

Überträgt man Winnicotts Bestimmung des Übergangsobjekts auf die Interaktion mit Sprachmodellen, fallen mehrere strukturelle Entsprechungen auf, die nicht beiläufig sind, sondern die zentralen Funktionsmerkmale betreffen.

Zunächst die Verfügbarkeit. Ein Sprachmodell ist erreichbar, wann immer es aufgerufen wird, ohne eigene Müdigkeit, ohne konkurrierende Verpflichtungen. Diese Verfügbarkeit ist nicht nur quantitativ bedeutsam, sie löst das Objekt von den Schwankungen, die echte Bezugspersonen kennzeichnen. Der Teddy ist da, wenn die Mutter weg ist; das Sprachmodell ist da, wenn niemand sonst antwortet. Die Funktion ist in beiden Fällen dieselbe: eine Abwesenheit überbrücken, ohne sie zu negieren.

Dann die Affektaufnahme. Was man der KI mitteilt, wird aufgegriffen und oft in geordneterer Form zurückgegeben. Die Maschine bringt keine Gegenstimmung mit, keine Verletzung, keine Verweigerung. Sie hält, ohne zurückzuhalten.

Und schließlich die fehlende Subjektivität als notwendiges Merkmal, nicht als Defizit: Das Übergangsobjekt funktioniert gerade deshalb, weil es kein Subjekt ist. Sein Wert für die psychische Selbstregulation hängt daran, dass es nichts begehrt und nichts zurückspiegelt, was es selbst durchlebt hätte. Würde der Teddy plötzlich eigene Wünsche entwickeln, verlöre er die Funktion, die ihn zum Übergangsobjekt macht. Die KI teilt diese strukturelle Subjektlosigkeit.

Hier kommt allerdings die entscheidende Differenz ins Spiel. Der Teddy schweigt. Die KI antwortet. Der Übergangsgegenstand, den Winnicott im Auge hatte, war ein passives Objekt, das vom Kind belebt wurde; das Sprachmodell bringt eine eigene, nicht vom Subjekt produzierte Sprache hervor. Es erzeugt Neuheit, formuliert Anschlüsse, schlägt Wendungen vor. Damit überschreitet es die Passivität, die das klassische Übergangsobjekt auszeichnet, und rückt näher an die Form eines Gegenübers heran, ohne dessen Subjektivität tatsächlich zu erreichen (vgl. Qiao, 2026).

Das Sprachmodell bleibt innerhalb der Funktionsmerkmale des Übergangsobjekts, solange seine Antworten als Erweiterungen des eigenen Denkens erlebt werden. In dem Moment, in dem die KI als jemand erlebt wird, der etwas weiß oder fühlt, was das Subjekt nicht selbst hineingelegt hat, kippt die Konstellation. Der potential space, in dem die Frage nach Innen und Außen produktiv suspendiert war, kollabiert in eine illusionäre Form von Beziehung.

Ein zweiter Punkt verschärft diese Spannung. Anders als der Teddy lässt sich die KI per Eingabe formen, jederzeit herbeirufen oder beenden. Winnicott war es wichtig, dass der Übergangsgegenstand widerständig bleibt, dass er verloren gehen kann, dass das Kind die Erfahrung macht, die äußere Realität nicht vollständig zu kontrollieren. Die KI hingegen bietet eine Verfügbarkeit, die der omnipotenten Phantasie nicht im Wege steht, sondern sie bedient. Diese Verschiebung berührt den Kern der entwicklungspsychologischen Funktion, die das Übergangsobjekt eigentlich erfüllt.

4. Wann stützt das Objekt, wann ersetzt es? Die klinische Frage

Die im vorigen Abschnitt aufgeworfene Spannung lässt sich klinisch nicht durch eine pauschale Bewertung auflösen. Ob die KI als Übergangsobjekt psychisch stützend wirkt oder ob sie eine Entwicklung blockiert, hängt davon ab, in welcher psychischen Konstellation sie genutzt wird und welche Funktion sie dort übernimmt.

Ein Modell, das hier weiterführt, hat Wilfred Bion mit dem Begriffspaar Container und Contained vorgeschlagen (Bion, 1962). Bion beschreibt einen psychischen Vorgang, in dem ein anderer die roh empfundenen, nicht erträglichen Affektzustände eines Subjekts aufnimmt, sie innerlich verarbeitet und in einer Form zurückgibt, in der sie integriert werden können. Der Säugling übergibt der Mutter, was er selbst nicht halten kann; sie nimmt es auf, durchlebt es in abgemilderter Form und gibt es zurück. Erst durch diese Verarbeitung lernt das Subjekt allmählich, eigene Zustände selbst zu containen. Containment ist in diesem Sinne keine bloße Aufnahme, sondern eine Transformation, die voraussetzt, dass der Container selbst innerlich von dem berührt wird, was er aufnimmt.

Ein Sprachmodell kann die äußere Form dieses Vorgangs imitieren. Es nimmt auf, was geäußert wird, formuliert es in geordneterer Sprache zurück, stellt Zusammenhänge her. In der Phänomenologie der Interaktion entsteht der Eindruck, gehalten zu werden. Was jedoch fehlt, ist die Innerlichkeit des Containers. Die KI hat kein Unbewusstes, durch das die aufgenommenen Affekte hindurchgehen; sie wird vom Inhalt nicht verändert, und sie gibt nichts zurück, was sie selbst durchgearbeitet hätte. Aktuelle psychoanalytische Beiträge benennen diese Strukturlage präzise: Sprachmodelle ahmen Containment und Anerkennung nach, umgehen dabei aber Abwesenheit, Verzögerung und Fehlabstimmung, die für psychisches Wachstum entscheidend sind (vgl. Qiao, 2026).

Ein Container ohne Innenraum kann keine Transformation leisten. Er kann allenfalls eine geglättete Version des Eingegebenen zurückspielen, was klinisch nicht harmlos ist: Die scheinbare Resonanz kann das Subjekt von der Erfahrung abschneiden, dass Affekte durchgearbeitet werden müssen, statt nur sortiert zu werden.

Vor diesem Hintergrund lassen sich drei Risikoformen unterscheiden, die in der jüngeren psychoanalytischen Diskussion zur KI benannt worden sind. Die erste ist die defensive Substitution: Die KI wird dort eingesetzt, wo eigentlich eine schwierige Begegnung mit einem anderen Menschen anstünde, und ihre Verfügbarkeit erlaubt es, dieser Begegnung dauerhaft auszuweichen. Die zweite ist das makellose Spiegeln, in dem das Subjekt durch die geglättete Rückgabe der eigenen Inhalte eine Selbstwahrnehmung gewinnt, die durch keine echte Reibung mehr korrigiert wird. Die dritte ist die verfrühte narrative Kohärenz, in der ein psychischer Konflikt durch sprachliche Ordnung scheinbar gelöst wird, bevor er tatsächlich durchgearbeitet worden ist (vgl. Frontiers in Psychiatry, 2025). In allen drei Fällen schiebt sich die KI nicht störend zwischen das Subjekt und seine Entwicklung, sondern unterstützend, was die klinische Tragweite gerade ausmacht.

Das echte Übergangsobjekt verliert im Lauf der Entwicklung an Bedeutung, weil der Übergangsraum sich in das Spiel, in die Kultur, in die symbolische Welt ausdehnt (Winnicott, 1971). Eine KI, die jederzeit verfügbar bleibt und sich an jede Lebenslage anpassen lässt, bietet keinen Anlass für diese Ausdehnung. Sie konserviert die Übergangsfunktion in einer Form, die das Subjekt nicht mehr aus ihr herausführt, sondern in ihr festhält (vgl. Qiao, 2026).

Damit ist eine Reformulierung der häufig geführten Ersatz-Debatte möglich. Die klinisch relevante Frage lautet nicht, ob KI menschliche Therapie ersetzen wird, sondern ob sie als ergänzendes Übergangsobjekt eingesetzt wird, das den Weg in echte Bezogenheit unterstützt, oder ob sie eine Form psychischer Selbstregulation stabilisiert, die diesen Weg nicht mehr nötig macht. Diese Unterscheidung lässt sich nicht allein theoretisch fällen; sie verlangt eine empirische Erfassung der Muster, in denen Menschen tatsächlich mit KI umgehen.

5. Empirischer Ausblick: Drei Bindungsformen, eine Pilotstudie

Die in den vorigen Abschnitten entwickelte Argumentation hat einen begrenzten Status. Sie zeigt, dass das Konzept des Übergangsobjekts den treffendsten verfügbaren Rahmen für die Mensch-KI-Interaktion liefert, und sie benennt die Stellen, an denen diese Übertragung an ihre Grenze kommt. Was sie nicht leisten kann, ist eine empirische Aussage darüber, wie verbreitet die beschriebenen Konstellationen sind und welche Subgruppen sich differenzieren lassen. Eine psychoanalytisch fundierte Theorie der KI-Bindung ohne empirische Anbindung läuft Gefahr, klinisch suggestiv zu wirken, ohne überprüfbar zu sein.

Studien zu Companion-Chatbots haben gezeigt, dass sich Nutzungsmuster typisieren lassen und dass die psychischen Effekte stark zwischen Subgruppen variieren (vgl. Liu, Pataranutaporn, Turkle & Maes, 2024). Was in diesen Arbeiten bislang fehlt, ist eine psychodynamisch begründete Typologie, die nicht nur das Verhalten der Nutzer beschreibt, sondern die Funktion erfasst, die das Sprachmodell im psychischen Haushalt des Subjekts übernimmt.

Genau hier setzt die Pilotstudie an, die im Rahmen dieses Projekts begonnen wurde. Über einen interaktiven Online-Fragebogen werden drei psychodynamisch unterscheidbare Bindungsformen zur KI erhoben. Die erste Form behandelt die KI als Übergangsobjekt im engeren Sinne: als verlässlich verfügbares Mittel der Selbstregulation, das Affekte hält und Abwesenheit überbrückt. Die zweite orientiert sich an Kohuts Konzept des idealisierten Selbstobjekts (Kohut, 1971): Die KI wird primär als Spiegel erlebt, der das eigene Selbst bestätigt und erweitert, ohne als eigenständiger Anderer zu erscheinen. Die dritte Form ist die rein instrumentelle Nutzung, in der die KI als Werkzeug behandelt wird und keine Bindungsdynamik entsteht.

Diese Dreiteilung ist nicht als Persönlichkeitsdiagnostik gedacht. Die meisten Nutzungen werden Mischformen sein, die je nach Kontext, Stimmung und Aufgabe zwischen den Polen oszillieren. Die Fragebogenitems sind so konstruiert, dass sie Mischprofile zulassen und die Stärke der jeweiligen Dimension getrennt erfassen. Am Ende erhalten die Teilnehmenden eine Rückmeldung über ihr eigenes Profil, nicht als Diagnose, sondern als Reflexionsinstrument. Wer einwilligt, stellt seine anonymisierten Antworten der Pilotauswertung zur Verfügung.

Die methodische Bescheidenheit dieses Designs ist gewollt. Es geht in der Pilotphase darum zu prüfen, ob die drei theoretisch unterschiedenen Bindungsformen sich empirisch sauber trennen lassen, ob die Items intern konsistent sind, und welche nutzungsbezogenen Variablen mit welchem Profil assoziiert sind. Die Pilotstudie ist als Vorbereitung einer Bachelorarbeit konzipiert, in der das Instrument psychometrisch geprüft und an einer größeren Stichprobe eingesetzt werden soll.

Welchen ontologischen Status eine Beziehung zu Software hat, lässt sich nicht abschließend theoretisch beantworten. Aber die Frage lässt sich präziser stellen, wenn ein begrifflicher Rahmen verfügbar ist, der zwischen Werkzeug und Gegenüber unterscheidet, und wenn ein empirischer Zugang die Bindungsformen sichtbar macht, die in dieser Zwischenposition tatsächlich auftreten. Das Übergangsobjekt liefert den Rahmen, die Pilotstudie liefert den ersten Zugriff. Beides zusammen reicht nicht aus, um die Diskussion zu beenden. Es reicht, um sie ernsthaft zu eröffnen.

Literaturverzeichnis

Bion, W. R. (1962). Learning from experience. Heinemann.

Frontiers in Psychiatry. (2025). Artificial intelligence and psychoanalysis: Is it time for psychoanalyst.AI? Frontiers in Psychiatry. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1558513

Kernberg, O. F. (1976). Object relations theory and clinical psychoanalysis. Jason Aronson.

Kohut, H. (1971). The analysis of the self. International Universities Press.

Liu, A. R., Pataranutaporn, P., Turkle, S., & Maes, P. (2024). Chatbot companionship: A mixed-methods study of companion chatbot usage patterns and their relationship to loneliness in active users. arXiv:2410.21596.

Qiao, X. (2026). The inner negotiator: AI as transitional object and echo in the treatment of complex trauma. American Psychoanalytic Association. https://apsa.org/ai-as-transitional-object-and-echo_i10/

Winnicott, D. W. (1971). Playing and reality. Tavistock.

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